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13. Januar 2012

ECOLO fordert eine positive Sicht auf die Lebensumstände der deutschsprachigen Jugend

Im Dezember 2009 hat die Regierung die Studie „Gewalterfahrungen und Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens“ in Auftrag gegeben, die ihr die Antwort zu Medienkonsum und Gewalterfahrungen der deutschsprachigen Jugendlichen liefern sollte. Das entsprechende Budget belief sich auf 33.000€.
ECOLO fordert eine positive Sicht auf die Lebensumstände der deutschsprachigen Jugend

Wir sind davon überzeugt, dass die Fragen, der die Regierung dabei nachgehen wollte, von großer  Bedeutung für die zukünftige Politik der Deutschsprachigen Gemeinschaft in den betroffenen Bereichen sind. Umso erschreckender ist das in unseren Augen teilweise unprofessionelle Ergebnis, welches das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen nach fast zweijähriger(!) Forschungszeit vorgelegt hat. Die Studie beweist dabei nicht nur einen eklatanten Mangel an Verständnis für die Lebenssituation der Grenzregion DG, sie verstößt unserer Meinung nach auch wiederholt gegen die Grundlagen einer wissenschaftlichen Arbeitsweise.

Hier nur einige Punkte, die wir besonders problematisch finden:

  • In der gesamten Studie wurde ausschließlich nach negativen Verhaltensweisen und keineswegs nach Kompetenzen gefragt. Fragen zur Fähigkeit der Kommunikation und der Konfliktlösung fehlen komplett. Diese Fähigkeiten haben aber einen bedeutsamen Einfluss auf das Gewaltverhalten. Diese grundsätzlich negative Sichtweise auf die Kinder und Jugendlichen der DG halten wir für völlig unangebracht;
  • Die in der Studie benutzten Begriffe scheinen direkt dem Strafgesetzbuch entsprungen. Zum Beispiel ist bei neunjährigen Schulkindern von "Gewalttätern" die Rede. Die Verfasser ignorieren wiederholt die üblichen Definitionen der benutzten Begriffe, womit die Aussagen schlichtweg irreführend werden. So werden beispielsweise Kinder als Mobbing-Täter klassifiziert, nachdem sie ein einziges Mal einen Klassenkameraden gehänselt oder wie Luft behandelt haben;
  • Die Studie vermischt Korrelation und Folgewirkung: An mehreren Stellen werden Kausalzusammenhänge gemacht und als Fakten dargestellt, wo anhand der Daten höchstens eine Korrelation belegbar ist. Zum Beispiel wird der häufige Konsum von Gewaltmedien als Ursache für häufigere Ladendiebstähle dargestellt, diese Behauptung wird aber nicht belegt;
  • Wiederholt suggerieren die Verfasser solche Zusammenhänge, um sie an anderer Stelle wieder zurückzunehmen - sie widersprechen sich also selbst. So gaben sie auch bei der öffentlichen Vorstellung der Studie an, dass „einer der Gründe für das Gewaltverhalten von Viertklässlern, die Mitgliedschaft in Kinder- und Jugendvereinigungen ist“. Im Schlusskapitel der Studie selbst ist diesbezüglich jedoch Folgendes zu lesen: „Obwohl […] letztlich kein eigenständiger, gewaltsteigernder Einfluss der Mitgliedschaft mehr festzustellen ist. […] Aussagen über Ursache-Wirkungs-Beziehungen sind letztlich damit nicht möglich“. 

Der Jugendsektor hat sich übrigens zu Recht gegen das negative Licht gewehrt, das auf seine Arbeit geworfen wurde.


Ecolo will sich auf keinen Fall zufriedengeben mit der ausschließlich negativen Herangehensweise an die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen und fordert die Regierung auf, das mit positiven Hinterfragungen zu vervollständigen.
Die Studie liefert sicherlich interessante und wichtige Daten über das Leben der Kinder und Jugendlichen.


Ecolo hat aber ernste Zweifel an der Seriosität der Interpretation des niedersächsischen Instituts. In unseren Augen ist diese Auswertung nicht zuverlässig genug, um darauf ohne grundlegende Überarbeitung die Bildungs-, Medien-, Jugend- und Sozialpolitik der Deutschsprachigen Gemeinschaft aufzubauen.


Franziska Franzen, Roswitha Arens, Karl-Heinz Braun

ECOLO-Fraktion im PDG


Im Anhang die komplette Auflistung unserer Kritikpunkte im PDF-Format.


120117_Kritikpunkte_KFN.pdf 120117 Kritikpunkte KFN (Größe: 61 KB, Typ: pdf, Zuletzt geändert: 17.01.12)